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Deutscher Alpenverein Sächsischer Bergsteigerbund
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Zurzeit wird sehr heftig darüber gestritten, wer illegal Bäume in der Sächsischen
Schweiz fällt und warum. Es lässt sich dabei nicht wegdiskutieren, dass an vielen
Stellen Bergsteiger zu den Tatverdächtigen gehören. Das ist für die Mehrheit der
Kletterer beschämend. Was für Gründe gibt es aus Kletterersicht überhaupt, Bäume
in unmittelbarer Felsnähe zu entfernen? Allerlei eigenartige Argumente kursieren da
und offensichtlich sind auch manche Zusammenhänge zur Funktion von Bäumen
nicht bekannt. Da in den meisten Fällen auf Birken „rumgehackt“ wird, sollen im
Folgenden den oft gehörten Sprüchen ein paar sachliche Anmerkungen folgen.
„Birken beschatten die Felsen und deshalb sind viele Wege nach Regen länger
nass!“
Die Birke zählt mit Abstand zu den Baumarten mit der lichtesten Krone. Im
Gegensatz zu Fichten oder Buchen bildet sie keine dichten, dunklen Bestände. Wind
und Sonnenstrahlen finden also allemal Ihren Weg durch das Blätterdach zur
Felswand und trocknen diese wieder. Obwohl Birken auch unter trockensten
Bedingungen überleben können, werden sie zu Säuferinnen, sobald Wasser da ist.
Eine ausgewachsene Birke kann bis zu 70 Liter am Tag verdunsten. Unterstellt man,
der Birke einen Standraum von 10 m², dann sind das immerhin noch 7 Liter
Verdunstung pro Quadratmeter. Das ist etwa soviel, wie ein mittlerer Sommerguss an
Regen bringt. Diese natürliche Wasserpumpe sorgt also gerade dafür, dass feuchte
Ecken nach Regen schnell wieder trocken werden. Auch mancher Grund und
manche Nordseite würde ohne Bäume regelrecht versumpfen.
„Bäume in Felsnähe sind eine Unfallgefahr!“
Erstens klettern wir nicht um des Fallens willen. Zweitens fällt man in der Regel ins
Seil. Und drittens wird im Falle des Falles in einen Baum der Sturz halbwegs
abgebremst und kann Schlimmeres verhindern. Und welcher Kletterer will eigentlich
auf eine der in vielen Fällen in Kniehöhe abgesäbelten Birken krachen?
„Birken versperren die Sicht auf den Kletterweg!“
Mag sein, aber ein paar Schritte zur Seite sorgen für eine andere Perspektive.
Veränderte Sichtweisen helfen in vielen Lebenslagen weiter. Spätestens wenn man
den Weg klettert, kann man sich alles ansehen und/oder überraschen lassen.
Absoluten Kontrollfreaks sei die vorherige Information in mittlerweile sehr
umfangreichen Routendatenbanken im Internet empfohlen. Bei manchem Weg ist es
angenehm, wenn man ihn zumindest teilweise nicht in der prallen Sonne klettern
braucht und auch der Sicherungsmann etwas Schatten hat. So sind z.B. die Talwege
an der Wetterwarte im Tümpelgrund an Sonnentagen nur noch vormittags ein
Genuss, weil wenigstens etwas Birkenschatten nun fehlt.
„Erosion? Da bauen wir dann halt ein paar Leitern und Erosionsverbauungen!“
Sicher müssen Erosionsschutzmaßnahmen und Stiegen in stark frequentierten
Gebieten sein, sollten aber auf ein Mindestmaß beschränkt bleiben. Leitern und
Erosionsverbauungen sind die deutlich schlechtere Variante im Vergleich zu intakten,
gut durchwurzelten Hangbereichen, die keinerlei Befestigungen benötigen. Sie
kosten Geld, bereiten dem Flächeneigentümer rechtliche Probleme
(Verkehrssicherungspflicht bei Stiegen), sind ästhetisch gewöhnungsbedürftig und
nach spätestens 10 Jahren wieder verrottet.
Die Birke bildet im unmittelbaren Stammbereich ein dichtes Wurzelsystem aus. Von
dort aus wachsen einzelne Grobwurzeln horizontal und können bis zu 7 m lang
werden. Diese spezielle Durchwurzelung kann ganze Hangbereiche befestigen und
sie ist die ideale Bewehrung im ansonsten lockeren Sand. Gräser und Sträucher
füllen normalerweise die Lücken in diesem System. Die Pflanzendecke bremst bei
Regen die einzelnen Wassertropfen ab und wirkt bei Starkregen oberflächigen
Ausspülungen entgegen. Durch die Humusanreicherung im Boden kann selbst reiner
Sand ein relativ stabiles Gefüge ausbilden und festigt den Boden insgesamt. Durch
die hohe Verdunstungsleistung der Birke wird der Boden nach Regen schnell wieder
trocken, was auch der Festigung dient.
„Das Zeug wächst doch eh wieder nach!“
Die Birke kann sich sehr gut über Stockausschlag regenerieren, wenn das
Wurzelsystem intakt ist und die Fällungen vor dem Austrieb (viele Speicherstoffe in
der Wurzel) stattfanden. Neuaustriebe können da im ersten Jahr schnell 2 m Höhe
erreichen. In vielen Fällen aber, so z.B. am Großen Eislochturm im Bielatal sind die
Wurzeln in flächig begangenen Hangbereichen so zerlatscht, dass es hier kaum zu
einer Regeneration kommen kann. Auch die Neuansiedlung über Samen, ein
ausgewachsener Baum produziert jedes Jahr über 100 000 im Extremfall bis zu 1
Million Samen, funktioniert nur, wenn Hangbereiche ruhig gestellt und nicht mehr
betreten werden.
„Die Birke ist doch nur Unkraut!“
Dieser ursprünglich aus der Kahlschlagsforstwirtschaft stammende Spruch ist heute
nicht mehr aktuell. Im Gegenteil, in den noch nadelbaumdominierten Wäldern ist
heute fast jeder zusätzliche Laubbaum willkommen. Dass der Mischwaldanteil in
Sachsen statistisch steigt, ist nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen, dass die
Birke seit der Wende und neu ausgerichteten Waldbaukonzepten mitwachsen darf.
Viele ökologische Wirkungen der Birke wurden bisher unterschätzt oder sind einfach
nicht bekannt und heute Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.
„Die paar Käfer an der Birke können auch woanders rumkrabbeln!“
Mit 164 Insektenarten, die auf die Birke spezialisiert sind, nimmt die Birke in der
Sächsischen Schweiz eine Vorrangstellung ein. „Insektenfreundlichere“ Baumarten
(Eiche 298, Weide 218) sind nicht so häufig. Birken müssen aber auch alt werden
dürfen, damit sich viele der Arten auch einfinden können. Immerhin 32 Vogelarten
finden die kleinen Birkenfrüchte lecker.
Fazit: Eigentlich bleiben wenig Gründe dafür übrig, dass Birken beim Klettern stören.
Meistens wird ein Entfernen nicht notwendig sein oder andere Gründe sprechen für
das Stehen lassen. Und wenn doch einmal ein Baum wirklich stört, steht ja das
Angebot der Nationalparkverwaltung.
Rainer Petzold, AG NUS
Artikel von 2007, auch verfügbar als
PDF
| letzte Änderung: 16.04.2012 | ||
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