![]() |
Deutscher Alpenverein Sächsischer Bergsteigerbund
|
![]() |
Im Vorfeld unseres heutigen Festes haben mir zwei betagte Bergfreunde ihre Erwartungen hinsichtlich meines Vortrags kundgetan.
„Mach das ja gründlich! Hundert Jahre SBB! Da musst du mindestens zwei Stunden reden!“ der eine. „Red ja nicht so lange! Machs nur schön kurz!“ der andere.
Wir sehen: Der Bergsport ist in eine Vielzahl von Spielarten und Disziplinen zerfasert, deren eine das Sächsische Bergsteigen ist.
Hier nun ist es an der Zeit, das erwähnte Axiom zu präzisieren. Die endgültige Fassung lautet: Klettern ist schön, vor allem in Sachsen!
Das ist natürlich eine patriotische Kurzformel, die nicht etwa nur die Bewegung am Fels meint. Sie meint die Landschaft, in der wir klettern,
die Gemeinschaft, in die wir uns eingebunden fühlen, die Bräuche und Gepflogenheiten dieser Gemeinschaft, ihre Lieder, Mythen und Legenden.
Sie meint die lichtumfluteten Gipfel und die düsteren Schlüchte unseres Gebirges, die Freinächte zu Füßen unserer Felsen, nicht zuletzt natürlich
die ganz besondere Art, wie wir hier klettern.
Wir alle sind zu einer Zeit geboren, als das Sächsische Bergsteigen die Wirren seiner ersten Jahre längst hinter sich hatte,
und deshalb nehmen wir unser Klettern mit seinen strengen Regeln als ganz selbstverständlich hin. Aber so selbstverständlich ist das gar nicht.
Als der SBB gegründet wurde, war die Mehrzahl der Felstürme diesseits und jenseits der sächsisch-böhmischen Grenze bereits bestiegen worden,
und das war ohne jede Regel vonstatten gegangen – jeder benutzte bei seinen Eroberungszügen, was ihm gerade recht erschien: Eingehauene Griffe,
Eisenstifte, selbst Leitern und herbeigeschleppte Baumstämme. Ja, die Freiheit in den Bergen - hier sieht man mal, was grenzenlose Freiheit anrichten kann.
Ich frage mich, wie es Fehrmann und seinen Mitstreitern im SBB damals gelungen ist, das Prinzip des hilfsmittellosen Kletterns innerhalb
kurzer Zeit zum allgemein anerkannten Bekenntnis der sächsischen Klettergemeinde zu machen. Wie schafft man so etwas? frage ich mich angesichts
der jüngsten Entwicklungen in unserm Gebirge.
Dieses allgemeine, allgegenwärtige Spaßbedürfnis vergiftet langsam unsere Gesellschaft.
Die bunte Presse, was sage ich, sogar die Sächsische Zeitung, vermittelt uns unablässig die Botschaft, dass alles Spaß machen muss.
Star X hatte auf dem Semperopernball viel Spaß. Dem Landtagsabgeordneten Y macht seine Tätigkeit ausgesprochen Spaß, und Lothar Matthäus
hat es unglaublich Spaß gemacht, seine vierte, fünfte, sechste Frau heimzuführen.
Dieses Abwartenkönnen, das aus der immerwährenden strengen Selbstbefragung resultiert, ist eine der wertvollsten Komponenten unseres Sports.
Es hat über Jahrzehnte hinweg Wünsche und Erwartungen in mir wach gehalten, es hat mich Triumph und Niederlage schmecken lassen und mich
schließlich wohl auch vorm frühzeitigen Ableben bewahrt.
| letzte Änderung: 16.04.2012 | ||
|
||