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Der Sächsische Bergsteigerbund
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Tourenberichte


Allein auf dem Großvenediger


von Walter Stoy


Wieder einmal ist die lang ersehnte Zeit der Skitouren zu Ostern gekommen. Gletschertouren haben im Frühjahr ihren besonderen Reiz und gehören unbedingt zu einer gelungenen Skisaison.
Die ebenmäßige Firn- und Felspyramide des Großvenedigers (3665 m) hat es mir angetan und zählt für mich als schönster Berg der Ostalpen. Dieser Berg ist zu dieser Jahreszeit ein wahres Skiparadies und ein Genussziel mit seinen herrlichen Abfahrten als Belohnung für einen mühevollen Aufstieg.
Ich war unterwegs zur Kürsinger Hütte, um dann weiter auf den Großvenediger zu gehen, es sollte meine 7. Besteigung werden. Der immens lange Nordweg führt vom Parkplatz des Hopffeldbodens an der Postalm vorbei zur Kürsinger Hütte. Da der Weg im unteren Bereich ab Parkplatz teilweise schneefrei war, musste ich ca. 1 Stunde mit dem Rucksack und aufgeschnallten Ski gehen, bis ich die Ski anlegen konnte. Der Weiterweg durch den lang gezogenen Talboden ist etwas gemütlicher und weniger steil. Ich begann die von einem zartblauen Himmel überspannte Winterlandschaft zu genießen. Am Talende dominiert die malerische, tiefverschneite Gestalt des Großen Geigers neben der Schlieferspitze mit ihrer traumhaften Abfahrt und den Schliefertürmen. Nach kurzer Rast auf der Postalm ging es weiter an der Materialbahn vorbei, dann steil zum Obersulzbachkees hinauf. Man kann mit der Materialbahn seinen Rucksack zur Hütte befördern lassen, auf diese Erleichterung verzichtete ich jedoch. Wenn das Wetter umschlägt und man möchte etwas an- und ausziehen oder legt eine Rast ein, dann ist der Rucksack unerreichbar.
Es herrschte absolute Windstille und Ruhe, nur das monotone Klack, Klack meiner Skibindung und das Knirschen der Stöcke im Schnee war zu hören. Weit unter mir befand sich eine Dreiergruppe im Aufstieg. Die Sonne meinte es gut, der Schnee wurde weich und ab und zu war ein Rieseln und Poltern abgehender kleiner Schneelawinen und Gesteinsbrocken von den seitlichen Steilhängen vernehmbar. Der Obersulzbachkees bietet eine mehrere Quadratkilometer große vielfältige Eisfläche. Sie ist unterbrochen, gegliedert durch Spalten, Buckel, Grate, Fels- und Geröllinseln, sie bildet Zungen aus, fällt in Kaskaden über Steilstufen und vereinigt sich 300 m unterhalb der Hütte zu einem großen, fast ebenen Gletscherplatz. Der Weiterweg zur Hütte war steil, die Sonne brannte immer mehr und feuchter Schnee begann an den Fellen zu kleben. In 2500 m Höhe, etwa 1 Stunde vom Gletscherplatz entfernt, verlässt man das Kees nach links, steigt über die Moränen schräg nach Westen zum P 2683, um dann abfahrend die Hütte zu erreichen. Man sieht sie erst auf dem letzten Stück. Doch auf der Hüttenterrasse, die hoch über dem Sulzbachkees einen herrlichen Gletscherblick bietet, ist die Aufstiegspein rasch vergessen. Im Mittelpunkt eines Halbkreises gewaltiger Gletscherflächen, die den Sammelnamen Obersulzbachkees tragen, liegt dieser herrliche Stützpunkt hoch über dem Zusammenfluss der großen Eisströme. Man kann sich gar nicht satt sehen an den Gipfeln und Graten, den weiten Eisflächen, den großen Brüchen, den Spuren der anderen und meiner Aufstiegsspur.
Vom Hüttenwirt Joseph Hetz, seiner lieben Frau und Hund Yeti wurde ich herzlich empfangen, ließ mich beim Abendbrot von der guten Küche verwöhnen und verbrachte einen angenehmen Abend am Tisch der Hüttenleute. Zur Nachtruhe bezog ich wie immer mein Einzelzimmer, das Dumler-Zimmer, und habe so gut geschlafen, dass ich später als geplant erwachte. Ich träumte von stiebendem Pulverschnee, Sonne und einer Genussabfahrt, wie ich sie schon oft erlebt hatte, doch dass alles anders kam, konnte ich noch nicht ahnen. Nun hieß es sich zu beeilen. Schnell das Frühstück hinuntergeschlungen, den Rucksack gepackt und die im Trockenraum getrockneten Felle wieder aufgezogen. Der Himmel hatte sich bezogen, aber es war hohe Bewölkung und die Gipfel waren noch frei. Es war aber abzusehen, dass kein sonniger Tag zu erwarten war.
Die letzte Gruppe hatte gerade die Hütte verlassen, den Aufstieg begonnen und ich bemühte mich, den Anschluss nicht zu verlieren. Es war inzwischen 8.30 Uhr geworden, eigentlich etwas spät für eine Tour, die ich immer mit 4,5 Stunden bewältigt hatte. Aber mit dieser Zeit, Gipfelrast und einer Stunde Abfahrt, dachte ich, schaffst du es locker, Nachmittag wieder zurück zu sein. Da der erste Steilanstieg von der Hütte beinhart gefroren war, hieß es Steigeisen anlegen und die Ski tragen. Nach kurzem Anstieg, am P 2683, wurde der Schnee etwas weicher, dass ich die Ski wieder anschnallen und einer gut gelegten Spur meiner Vorgänger über den Sommerweg folgen konnte. Über den Sommerweg erspart man sich 200 Höhenmeter Abfahrt und dementsprechenden Wiederanstieg über den Gletscher, den man seitlich erreicht. Am nächsten Steilstück musste ich mit den Stöcken etwas nachschieben, es nützte nichts, jedoch meine Ski begannen bei jedem Schritt zurückzurutschen, sodass ich die Harscheisen anlegte, was das Gehen erschwert und das Gleiten unmöglich macht.
Das Wetter schien zu halten und ich sah keinen Grund zur Beeilung, obwohl die Seilschaften vor mir längst hinter dem nächsten Aufschwung verschwunden waren. Ich legte öfters eine Pause ein, um die herrliche Schneelandschaft der Umgebung zu betrachten. Ich war schon oft hier, aber immer gab es Neues zu sehen. Bald tauchte das schwarze Gipfeldreieck des Kleinvenedigers auf. Zur Rechten rücken die Fels- und Eisabstürze der Großvenediger-Nordostwand näher. Unterhalb der Venedigerscharte wurde der Anstieg steiler und ich musste einige Spalten umgehen. Da dieses Jahr weniger Schnee lag, Spalten offen waren, eine Schneebrücke vereist war, schnallte ich ab und legte die Steigeisen an, um die Stelle zu überwinden. Beim Weiterweg führte die Spur über einige leicht verdeckte kleinere Spalten, die sich aber problemlos mit Ski überqueren ließen.
Von der Scharte ging es den breiten Ostrücken hinauf, bevor die letzten Meter auf einer atemberaubenden Firnschneide zurückgelegt werden. Vorher schnallte ich ab, machte Skidepot, Felle in den Rucksack und mit Steigeisen hinüber zum Gipfelkreuz. Die Aussicht war trotz oder gerade wegen der hohen und teilweise tiefen Bewölkung überwältigend. Weit im Osten ragte die Spitze des Großglockners aus dem Wolkenmeer. Bei wolkenlosem Himmel geht hier der Blick ins Türmemeer der Dolomiten und über Rötspitze, Dreiherrenspitze und Geiger zu den Zillertalern, im Norden liegen die Kitzbühler, der Kaiser und die Voralpen.
Ich legte eine ausgiebige Gipfelrast ein, zur Abfahrt hatte ich ja genügend Zeit, wie ich meinte. Die anderen Tourengeher hatten bereits den Gipfel verlassen, legten ihre Ski an oder befanden sich auf der Abfahrt. Weil der Nebel langsam höher stieg und bereits die Scharte erreicht hatte, wurde ich doch etwas unruhig und beeilte mich, zu meinen Ski zu kommen. Steigeisen runter, Pullover anziehen, Handschuhe an und in die Ski einsteigen. Ein Blick nach unten zeigte mir, dass der Nebel weiter hochwallte, der letzte Skifahrer war gerade im Nebel verschwunden. Nun aber los!
Nach 3 bis 4 Schwüngen passierte es. Ich hatte beim Abschwung eine 20 – 25 cm breite Spalte übersehen, der Innenski blieb hängen und ich stürzte, zum Glück ohne mich zu verletzen. Aber mein rechter Ski hatte sich gelöst und verschwand in der Spalte. Die Spalte war tief und verschwand ins Bodenlose, aber mein Ski hatte sich in etwa 2 m Tiefe an einer kleinen Eisnase verklemmt und lag mit der Spitze schräg nach unten in der Spalte. Was war zu tun? Ich überlegte, wie ich am besten aus dieser Situation heil herauskomme. In die 20 cm breite Spalte kommst du auch als dürrer Hänfling wie ich es bin nicht hinunter. Zu Fuß zur Hütte war zu riskant, erstens wegen der Spalten und aus Zeitgründen. Ich wäre im Tiefschnee bei jedem Schritt weit eingesunken und beizeiten in die Nacht gekommen. Stirnlampe, Handy und Pickel hatte ich leider in der Hütte zurückgelassen, Handyempfang war dort unterwegs sowieso keiner, das wusste ich von der Tour im letzten Jahr. Also blieb mir nur eine Möglichkeit: Biwakieren. Die Nacht müsste zu überstehen sein, es war nicht windig, um 0 °C und warme Sachen hatte ich genügend mit. Am nächsten Morgen würde der Hüttenwirt die Bergwacht alarmieren.
Ich nahm meinen mir verbliebenen Ski, legte die Steigeisen an, um mir in der Gipfelwechte eine Schneehöhle auszugraben und begann zum Gipfel aufzusteigen. Da hatte ich plötzlich einen, wie sich später zeigte rettenden Einfall, um den Ski aus der Spalte zu bergen. Meine Steigeisen sind ziemlich stabil und ich begann mit Skistöcken und den Fersen durch Hacken das Eis, das sehr hart war, abzusplittern und so die Spalte halbkreisförmig so zu erweitern, dass ich hineinpasste, bis ich den Ski erreichen konnte. Es war eine mühevolle Kleinarbeit und ich kam nur zentimeterweise tiefer. Nachdem ich mich bis auf Skistocklänge hinuntergearbeitet hatte, konnte ich nur noch durch Stampfen mit den Fersen und den angelegten Steigeisen weiterarbeiten, bis ich mich mit den Füßen seitlich vom Ski in Skihöhe befand. Um wieder nach oben zu kommen, hatte ich die beiden Skistöcke über mir quer über die Spalte gelegt.
Aber oh weh, ich war eingeklemmt wie in einer Röhre und konnte mich nicht hinabbeugen, um den Ski zu erlangen. Also noch mal nach oben, Klimmzug an den Stöcken und die Spalte weiter verbreitern. Ein erneuter Versuch, wobei ich mich zum Ski hinabbeugen konnte, missglückte. Ich konnte das Skiende mit Mühe und Not gerade mit einer Hand erfassen. Der Ski war durch den Skistopper verklemmt und ließ sich nicht nach oben bewegen. Große Kraft konnte ich nicht aufwenden, die Hand rutschte immer wieder ab. Viel rütteln am Ski konnte ich auch nicht, denn dabei hatte er das Bestreben, sich nach unten zu bewegen und wäre auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe der Spalte verschwunden.
Was war jetzt zu tun? Die Silvretta-Skitourenbindung hat zur Arretierung der Schuhspitze einen geschlossenen Bügel, welcher aber leider umgeklappt auf dem Ski auflag. Die Bindung lag außerhalb meiner Reichweite und es war unmöglich, mit der Hand heranzukommen, dazu hätte ich die Spalte noch unmittelbar über dem Ski erweitern müssen. Das war mit meinen bescheidenen Hilfsmitteln nicht möglich, außerdem hätten die hinabfallenden Eisstücke den Ski begraben oder in die Tiefe befördert. Ich holte einen Skistock herunter und es gelang mir, mit Spitze und Teller ganz vorsichtig den Bügel aufzuklappen. Jetzt wieder nach oben. Ich nahm meinen HMS-Karabiner, Material und Klettergurt hatte ich mit, öffnete die Falle und arretierte diese mit einem Skiriemchen. Den so entstandenen Haken hängte ich in eine 8er-Sicherungsschlinge und tauchte damit wieder zum Ski. Bereits beim zweiten Wurf nach dem Bügel fasste der Haken und der Ski ließ sich nun mühelos mit einem Ruck herausziehen. Ich war gerettet. Die ganze Aktion hatte zwei Stunden in Anspruch genommen und es blieb mir nur noch eine Stunde Zeit bis zum Finsterwerden.
Inzwischen hüllte mich der Nebel vollends ein und ich konnte keine 5 m weit sehen. Ich schnallte die Ski an und tastete mich im Treppenschritt tiefer. An Abfahren war im Moment nicht zu denken, da ich vom Aufstieg her wusste, dass sich irgendwo unterhalb eine tiefe und breite Querspalte befand, die ich umgehen musste. Nach einigen Metern tauchte ein breiter, bodenloser Abgrund vor mir auf und ich konnte mich besser orientieren und mich etwas zügiger am Spaltenrand entlang bewegen. Als ich aus deren Bereich heraus war, begann ich sozusagen im Blindflug mit der Abfahrt den Osthang hinunter. Der Schnee war in diesem Bereich Pulver und gut befahrbar und zum Glück riss der Nebel kurz vor der Scharte auf, sodass ich mühelos die Spaltenzone überfahren konnte und um dann an Tempo zuzulegen. Einen Sturz wollte ich mir allerdings nicht mehr leisten. Kurz vor der Hütte war es völlig dunkel geworden, aber ich war jetzt im bekannten Gelände und der Lichtschein der Hütte, die Außenbeleuchtung war an, zeigte mir die Richtung. Der Wirt stand schon an der Tür und hatte sich Sorgen gemacht.
Von meinen Abenteuern habe ich allerdings nichts erzählt, auch im Tal meiner Frau nicht, das hätte sonst ein Donnerwetter gegeben. Alles war ja noch mal gut gegangen und mit etwas Wehmut im Herzen begab ich mich am nächsten Morgen nach ausgiebigem Frühstück und besten Wünschen der Hüttenleute zur Abfahrt ins Tal mit dem Vorsatz, ich komme wieder!
Ein Jahr darauf war ich zu Ostern wieder auf dem Großvenediger, diesmal etwas eher und bei wunderschönem Wetter inmitten von Karawanen aufsteigender und abfahrender Skitourengeher.
Zurückschauend möchte ich sagen, Bergfahrten wie so ein Alleingang hinterlassen tiefe Eindrücke, die Bilder, Stimmungen, Freuden und Ängste,die eng miteinander verknüpft sind, bleiben jedoch unauslöschlich im Gedächtnis eingegraben. Ich möchte sie nicht missen.


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