![]() |
SBB Der Sächsische Bergsteigerbund |
Sektion des Deutschen Alpenvereins |
|
|
|||
Von Jörg Schubert
Schon wieder diesen "Rödel" bis zum Biwak laufen? Nein danke! Das letzte Mal hat schon gereicht, nachdem wir versucht hatten, die Hochfeiler-Nordwand zu durchsteigen. Damals waren wir im satten Neuschnee und schlechtem Wetter im Hochfeiler-Biwak stecken geblieben. Wetter-online.de hatte also gelogen. Was soll's?
Das Wetter sollte wieder einmal gut werden und ich unterhielt mich mit Axel, was denn nun eigentlich werden könnte. Uns war etwas mulmig, über die Ortler-Nordwand zu reden; wenn die Bedingungen nicht optimal sind und einen das schlechte Wetter erreicht, wird ein Rückzug aus der Wand schnell zu einem ernsten Unternehmen. Wir diskutierten immer wieder zwischen den Vorlesungen, telefonierten rum, bis schließlich klar war, die Nordwand wird abgeknipst. Zuvor musste ich mich noch mit meiner Freundin über diese "zweitägige irrsinnig-dekadente Italienreise" unterhalten, wobei ich mich wiederum in Rechtfertigungen und anderen Auslassungen ergießen musste. Im Nachhinein war sie sehr mit Stolz erfüllt, dass wir es geschafft hatten und ich bemerkte wieder einmal, welch tolerante Freundin ich habe.
Ich unterhielt mich mit dem Hüttenwirt über die Bedingungen in der Wand per Telefon und das Wetter sollte stabil bleiben. Das ließ hoffen, wobei mir immer noch so ein paar Zweifel aufkamen: 1200 Meter Wandhöhe, 50 - 60° Neigung, teilweise bis 70°, eine der schwierigsten Eiswände der Ostalpen, so beschrieben im Vanis-Führer von 1980. Dass sich da in den letzten Jahren dank besserer Ausrüstung und verminderter Eisneigung etwas getan hat und man der Aussage "schwierigste Eiswand" das Attribut "einst" hinzufügen kann, sollte evident erscheinen. Dennoch bleibt es eine große Herausforderung für jeden, der einsteigt.
Wir fuhren also zu viert im vollbepackten PKW via München in Richtung Sulden. Die nächtliche Überlandreise nagte mir schon in den Beinen. Zweifelsohne bin ich nach fast achtjähriger Aus-, Weiter-, Miss- und Umbildung einiges in puncto rumsitzen gewöhnt, habe mich aber nie so richtig daran gewöhnt. In Sulden empfing uns traumhaftes Frühlingswetter mit blauem Himmel und Sonnenschein, besser konnte es nicht werden. Micha holte sich noch irgend so ein widerliches Zeug aus der Apotheke, um seine Erkältung etwas einzudämmen. Es roch so abscheulich, dass ich dachte, es sei Bärenabwehrspray aus Alaska.
Die Rucksäcke waren schnell umgepackt und das Auto kostenfrei (man höre und staune) auf dem Parkplatz abgeparkt. Bis zur Tabaretta-Hütte ist es nur eine gemütliche Anderthalb-Stunden-Wanderung, wobei man gelegentlich auf den letzten paar Höhenmetern gut in die Wand einsehen kann. Angekommen auf der Hütte, saßen wir im Vergleich zu unserem verschneiten Hochfeiler-Biwak im Sonnenschein auf der Terrasse mit Blick auf die Ortleralpen, die Nordwand und die hinunter schießenden Eislawinen, die in den Anstieg hinein donnerten. Wir waren fast die einzigen Gäste, die Wander- und Normalweg-Saison beginnt erst später, sodass wir vom Hüttenwirt gemütliche Betten zu Lagerpreisen bekamen. Abends noch schnell etwas gekocht und dann ging es schon in die Kojen. Stefan beehrte uns noch mit einer Nachtschicht im Sägewerk, sodass ein Verschlafen eigentlich unmöglich werden konnte.
Um 23.30 Uhr standen wir auf, wobei ich einen mörderischen Anschiss von Micha bekam, nicht so laut zu machen. Er wiederum hatte einen Moment zuvor ohne meine Anwesenheit einen tobenden Hüttenwirt vor sich, der darauf beharrte, die Aufstehzeit zu bestimmen und was wir überhaupt so früh in der Wand wollten usw. Das Frühstück "genossen" wir dann ein paar Schritte entfernt von der Hütte, es fiel demzufolge nicht besonders üppig aus. Ich war ziemlich angespannt und mir war unbehaglich bei dem Gedanken, hier und jetzt in diese Wand einzusteigen.
Um 0.30 Uhr waren wir startklar und begannen den ca. einstündigen Zustieg zum Lawinenkegel auf dem Martlferner. Dort angekommen, hielten wir uns immer links der Aufstiegsrinne, um den eventuellen Steinen und Eisbrocken auszuweichen, die sich Dank der Schwerkraft hier in späteren Stunden, aber auch manchmal vorzeitig sammeln und häufen. Wir stiegen rasch durch die Wand aufwärts, durch zwei Engstellen hindurch und immer noch seilfrei, denn der Firn griff optimal wie beim Treppen steigen. Die Eisgeräte und Steigeisen griffen ebenfalls gut, sodass es problemlos war, die Höhenmeter zu überwinden.
Als es hell wird, befinden wir uns bereits im oberen Drittel der Wand. Da es hier etwas steiler wird und die ersten Blankeisstellen zum Vorschein kommen, seilen wir uns zu zwei Zweierseilschaften zusammen. Es sind noch gut 200 Meter bis zum Ausstieg der Wand (nicht bis zum Gipfel). Ich bin guter Stimmung, denn bis hierher bin ich problemlos gekommen. Als wir die ersten Meter Blankeis hinter uns haben, merke ich meine zunehmende Müdigkeit, meine kalten Finger und meine schlecht in den Bergschuhen verstauten Füße. Sie wollen einfach nicht mehr auf den Frontalzacken halten, ich fühle mich schwammig, der Eiertanz beginnt, die Arme sind träge, meine Old-school-Eisgeräte (die mittlerweile in Peru ihren Lebensabend genießen) greifen schlecht, außerdem bin ich der Steileis-Technik noch nicht so auf den Zahn gerückt, sodass ich immer wieder schreie: "Langsamer, Axel, langsamer!"
Wir steigen zeitgleich am Seil auf, um uns die zeitaufwendige Sicherei zu ersparen. Jeder Zug wird zu einem Vabanquespiel, ich will nur noch raus hier, raus aus dieser Wand, mit sicheren Füßen auf sicherem Boden stehen. Aber es geht einfach nicht schneller vorwärts. Ich verwünsche meinen Ehrgeiz, in diese Wand eingestiegen zu sein, fühle mich richtig deplatziert und beschließe, nie wieder Bergsteigen zu gehen (habe es mittlerweile mit meinem Entschluss doch nicht so ernst gemeint, denn die peruanischen Anden in Folge dieser Eistour hatten doch etwas mehr Anziehungskraft als Kaffeekränzchen und dickbäuchig werden, behäbig zu Hause rumzusitzen).
Wir erreichen nacheinander den Ausstiegsgrat und ich bin froh, hier angekommen zu sein. Bis zum Gipfel ist es nicht mehr weit und die Sonne wärmt ein wenig. Dennoch bleibt der Wind schneidig und man merkt bei jeder Pause, dass einem die Kälte in den Körper kriecht. Die letzten Meter zum Gipfel werden mühsam, immer wieder warten Axel und ich auf Stefan und Micha, doch auch bei ihnen wird alles langsamer und so beschließen wir den Gipfel schon mal ohne die beiden zu betreten. Es ist mittlerweile 6.30 Uhr und der Ausblick ist grandios, die Tatsache, es geschafft zu haben und jetzt nur noch runter zu müssen lässt mich euphorisch werden. Nach einer Weile stehen wir zu viert am Gipfelkreuz, umarmen ums, die Freude steht jedem ins Gesicht geschrieben, auch wenn die Anstrengung und die Kälte das Gesicht etwas verzerren lassen.
Der erste Teil des Abstiegs über den Normalweg zur Payerhütte beginnt über lange Firnfelder und ist relativ flott zurückgelegt. Gelegentlich kann man in die Nordwand zurückschauen. Dann beginnt das "heinzige Gerödel" über das Tschierfeckwandl. Immer wieder müssen wir sichern, weil der Schnee noch gut in den Kletterstellen liegt. Dann abseilen, wieder etwas klettern, sichern ... Es scheint endlos zu werden und ich habe das Gefühl, dass ich mich gar nicht von der Stelle bewege. Endlich an der Payerhütte angekommen, sacken wir alle vor dem Eingang zusammen und machen Pause. Die Hütte ist noch geschlossen, aber unendlicher Durst quält mich, die Getränke sind aber schon längst aufgebraucht. Über weitläufige Schutthänge geht es abwärts zur Tabaretta-Hütte zurück, an der wir ziemlich fertig 12.30 Uhr ankommen. Für den Abstieg haben wir fast soviel Zeit wie für den Aufstieg gebraucht, das sagt einiges über die Dimensionen aus, die wir hier zurückgelegt haben: 1200 Höhenmeter hoch und 1200 wieder runter.
Auf der Terrasse werden wir vom Hüttenwirt und von Tagesgästen begrüßt und schon ist das erste Bier eingegossen. Im Zuge der Anstrengung und Dehydrierung wirkt es sofort. Nachdem wir dem Hüttenwirt unser Bedauern für die nächtliche Unruhe ausgesprochen haben (nach seinem Gesichtausdruck zu urteilen, war die Sache schon längst wieder gegessen) und wir wieder alles eingepackt haben, geht es ab zum Parkplatz. Es ist mittlerweile so heiß geworden, dass wir dort angekommen, uns die Kleider vom Leib reißen, um schlussendlich in den Suldenbach zu springen.
Leider wurde aus dem Springen nichts, denn es grenzte schon an eine Heldentat, sich mit diesem Wasser zu waschen. Ich kam bis zu den Knien hinein, dann sagten mir meine "abgestorbenen" Füße: "Es reicht!" Manchmal bedarf es der kleinen Dinge mehr Mut und Überwindung als des der großen.
| letzte Änderung: 08.05.2009 | ||
|